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Einleitung und Überblick

Das Neurolinguistische Programmieren (NLP), das zu Anfang der 70er Jahre von Richard Bandler und John Grinder in den USA begründet und seitdem von ihnen und ihren Schülern - insbesondere von Robert Dilts - stetig weiterentwickelt wurde, erfreut sich einerseits - sowohl in den USA als auch in Europa - wachsender Beliebtheit, stößt andererseits aber auch vielfach auf deutliche Kritik oder sogar grundsätzliche Ablehnung.

Ursprünglich ausschließlich verstanden als ein psychotherapeutisches Meta-Modell, das die Gemeinsamkeiten effektiven therapeutischen Handelns von Vertretern unterschiedlichster Schulen ausfindig zu machen und zusammenzufassen suchte, wird es heute eher als kognitivistisches, lernpädagogisches Modell bezeichnet, innerhalb dessen Methoden entwickelt werden, "um Menschen beizubringen, wie sie ihr eigenes Gehirn nutzen können" (Bandler, 1985/1987, S. 19)[1]. Dabei tritt NLP mit dem Anspruch auf, für zahlreiche praktische Anwendungsfelder verhältnismäßig leicht erlernbare, effektive Interventionsformen entwickelt zu haben - so z.B. für Beratung, Therapie, Management, Verkauf und Schule (Dilts, Grinder, Bandler, Cameron-Bandler, DeLozier, 1980/1985).

Während die frühen NLP-Interventionen weitgehend kompetenten Vertretern des jeweiligen Fachs abgeschaut waren, also nur wenig wirklich Neues darstellten, gilt das Submodalitätenkonzept als erste Eigenentwicklung des NLP (Reuben, 1987).

Unter Submodalitäten werden die formal-qualitativen Feinunterscheidungen innerhalb jeder Sinnesmodalität verstanden (z.B. heller oder dunkler, größer oder kleiner in der visuellen, lauter oder leiser in der auditiven Modalität). Dabei wird u.a. postuliert, daß durch die bewußte Veränderung visueller und/oder auditiver Submodalitäten von Vorstellungen, die ihrerseits über Synästhesien mit emotionalen Zuständen verknüpft sind, solche Zustände abgeschwächt, verstärkt und/oder gänzlich verändert werden können, selbst wenn der Inhalt der Vorstellung - beispielsweise eine unangenehme Erinnerung - konstant beibehalten wird. - Mindestens ebenso emotionsrelevant wie die Inhalte einer Vorstellung wären demnach ihre Submodalitäten. Mit Hilfe gezielter submodaler Veränderungen sollen - oftmals innerhalb kürzester Zeit - u.a. Rechtschreibschwierigkeiten behoben, Unsicherheiten, Ängste und Phobien effektiv behandelt, Zwänge aufgelöst, neue gewünschte Verhaltensweisen dauerhaft eingeübt und sogar Überzeugungen verändert werden können (Bandler, 1985/1987).

Ein vergleichbarer Ansatz findet sich (soviel dem Autor bekannt ist) außerhalb des NLP bis heute weder in der allgemeinen Kognitionspsychologie noch in anderen praktisch orientierten therapeutischen oder pädagogischen Schulen. Umfassende wissenschaftliche Arbeiten über das Submodalitätenkonzept liegen noch nicht vor. - Die Neuartigkeit des Ansatzes einerseits und das weitgehende Fehlen diesbezüglicher Forschung andererseits bilden den Hauptgrund dafür, daß das Submodalitätenkonzept zum thematischen Schwerpunkt dieser Arbeit gewählt wurde.

Der Autor ließ sich, nach vorausgegangenen theoretischen Studien, von 1987 bis 1990 in den Methoden des NLP ausbilden. In seiner Beratungspraxis in Heidenheim setzte er, in Verbindung mit verschiedenen anderen Verfahren der humanistischen Psychologie, seit 1988 auch Elemente des NLP ein. Interventionen aus dem Submodalitätenkonzept erwiesen sich dabei in zahlreichen Fällen der Einzel- und Paarberatung als besonders effektiv. Darüber hinaus lehrte er innerhalb verschiedener Seminare zu den Themen Streßbewältigung, Kommunikation und Selbstmanagement einzelne Submodalitätstechniken zur Eigenanwendung. Rückmeldungen von Seminarteilnehmern bestätigten die Wirksamkeit der gelernten Verfahren. - Die interessanten und vielversprechenden Erfahrungen, die der Autor bei der praktischen Anwendung und Weitervermittlung von Submodalitätstechniken machen konnte, stellen den zweiten (vor allem persönlichen) Grund dar, sich hier schwerpunktmäßig mit Submodalitäten zu beschäftigen.

Der Aufbau der vorliegenden Arbeit orientiert sich weitgehend an den Empfehlungen für eine angemessene Forschung zum NLP, die Einspruch und Forman (1985) im Anschluß an ihre Kritik der bisherigen Forschung veröffentlichten. - Die bisherige Forschung - die sich allerdings nicht auf das Submodalitätenkonzept bezieht - leidet laut Einspruch und Forman vielfach unter methodischen Fehlern und/oder Fehlern im Ansatz; das gelte auch für einige Arbeiten, die zugunsten des NLP ausfielen. Aus diesem Grunde könne bis heute weder eine positive noch eine negative Aussage über die Triftigkeit der NLP-Auffassungen und/oder die Wirksamkeit einzelner seiner Interventionsmodelle gemacht werden. Vor allem bemängeln Einspruch und Forman, daß in den meisten Untersuchungen einzelne NLP-Postulate und/oder NLP-Techniken herausgegriffen würden, ohne den Kontext, innerhalb dessen sie im NLP als sinnvoll bzw. wirksam bezeichnet werden, zu berücksichtigen. Sie empfehlen daher:

Procedures generated from the NLP model must be used within the presuppositions of the model, and research on reified concepts is trivial in nature and is a distraction from the serious issues relating to testing the NLP model. (S. 594)

Hier trifft nun aber jeder, der ein Forschungsprojekt zum Submodalitätenkonzept des NLP plant und obige Empfehlung - die der Autor auch für diesen Themenkomplex für relevant hält - berücksichtigen möchte, auf eine große Schwierigkeit: Es gibt bis heute keine Veröffentlichung, in der das vollständige NLP-Modell einschließlich einer Einordnung des Submodalitätenkonzepts dargestellt wird. Die NLP-interne Literatur beschäftigt sich fast ausschließlich mit den jeweils neuesten Entwicklungen und "Entdeckungen", ohne deren Einordnung in das Bisherige vorzunehmen. Die vom Autor durchgesehene Forschungsliteratur leistet dies ebenfalls nicht. Die Zusammenhänge, in denen einzelne der in der neueren NLP-Literatur beschriebenen Verfahren mit Aussicht auf Erfolg angewendet werden können, werden bis heute ausschließlich in Seminaren seriöser NLP-Ausbilder vermittelt (s. z.B. Dilts & Epstein, 1991).

Um dieses von den Entwicklern des NLP selbst verschuldete Informationsdefizit, das jede Forschung und jede ernsthafte Diskussion über das Neurolinguistische Programmieren erschwert, wenn nicht unmöglich macht, weitmöglichst auszugleichen, wird im vorliegenden ersten Band der Arbeit erstmalig versucht, die einzelnen Bausteine des NLP, die teilweise ohne ersichtlichen Zusammenhang auf ca. 20 NLP-Veröffentlichungen verstreut, teilweise noch gar nicht veröffentlicht sind, zu einem Gesamtmodell zusammenzufügen; dabei liegt der deutliche Schwerpunkt auf einer Einordnung des submodalen Themenkomplexes. Teilweise wird die Darstellung der Zusammenhänge nur durch persönliche Mitteilungen der NLP-Entwickler und -Ausbilder Robert Dilts und Thies Stahl möglich, auf die der Autor mit Dank stets dann zurückgreift, wenn sich in der Literatur keine entsprechenden Angaben finden lassen. - Kritische Anmerkungen des Autors begleiten - wo immer es angebracht erscheint - die Darstellung.

Darüber hinaus wird hier erstmalig eine Beziehung des Submodalitätenkonzepts zu vergleichbaren theoretischen Ansätzen in der Kognitionspsychologie hergestellt, um es so in einen über das NLP hinausgehenden, größeren theoretischen Zusammenhang zu stellen und diskutierbar zu machen. Auch werden imaginative Techniken anderer pädagogischer und therapeutischer Schulen dargestellt, um sowohl die Unterschiede als auch die Gemeinsamkeiten zum Ansatz des NLP herauszuarbeiten und nach sinnvollen Integrationsmöglichkeiten zu suchen. Schließlich wird die bisherige Kritik an Grundannahmen und Methoden des NLP referiert und bewertet; dabei wird u.a. auf die oben erwähnte Arbeit von Einspruch und Forman (1985) eingegangen.

Insgesamt soll dieser erste Band - der sicherlich den Schwerpunkt der Arbeit bildet - der zukünftigen NLP-Forschung eine tragfähigere Basis als bisher zur Verfügung stellen sowie einen Beitrag zu der in Deutschland z.Z. sehr regen NLP-Diskussion in Praktikerkreisen leisten.

Darüber hinaus stellt er die theoretischen Grundlagen für den empirischen Teil der Arbeit[2] bereit, der allerdings - wegen der fehlenden Vor-Forschung einerseits und wegen der innerhalb einer Dissertation finanziell und zeitlich begrenzten Möglichkeiten andererseits - nicht mehr als eine empirische Pilotstudie darstellt.

Die zugrundeliegende Untersuchung fand innerhalb von vier mehrtägigen, vom Autor geleiteten Seminaren statt und wurde durch eine, jeweils ein halbes Jahr später stattfindende, schriftliche Befragung ergänzt. Es wurden, zur Überprüfung dreier grundlegender Interventionsmodelle des Submodalitätenkonzepts, Erkundungsfragen hinsichtlich

  1. der Wirkung einzelner Submodalitäten,
  2. des kurzfristigen Erfolgs des jeweiligen Modells und
  3. etwaiger anschließender, erfolgreicher Modellanwendungen im Alltag der Probanden gestellt.

Durch die Beantwortung der Fragen sollte es am Ende der Studie möglich werden, begründete Hypothesen für die weitere Forschung aufzustellen.

Die Kapitel des ersten Bandes behandeln im einzelnen folgende Schwerpunkte:

1. Kapitel:

Einführung in das Neurolinguistische Programmieren, mit einem historischen Überblick, seinen wichtigsten Veröffentlichungen und einer Namensklärung; sein Selbstverständnis, sein Menschen- und Weltbild; Definition und allgemeine Ziele

2. Kapitel:

Art und Bedeutung kognitiver Repräsentation in der kognitiven Psychologie und im NLP, mit einer Definition und Einführung in den Bereich der Submodalitäten

3. Kapitel:

Funktion und Charakter kognitiver Strategien sowie Möglichkeiten ihrer Aufdeckung im NLP, mit vielen praktischen Erläuterungen und der Bedeutung von Submodalitäten innerhalb kognitiver Strategien

4. Kapitel:

Persönlichkeitsvariable des NLP auf Basis der Logischen Ebenen des Lernens von Gregory Bateson; Stellenwert von Strategien und Submodalitäten innerhalb dieser Variablen; Möglichkeiten ihrer Analyse und Veränderung mit Hilfe von Submodalitäten

5. Kapitel:

Grundlagen der Veränderungsarbeit mit Klienten im NLP-Verständnis

6. Kapitel:

Darstellung ausgewählter Interventionsmodelle unter Verwendung von Submodalitätsveränderungen

7. Kapitel:

Vergleich mit imaginativen Techniken anderer Schulen

8. Kapitel:

Kritik an Grundannahmen und Methoden des NLP

Der Band schließt mit einem kurzen Resümee und Ausblick.

Dem Leser, der gezielt und ausschließlich einen informativen Überblick über das Neurolinguistische Programmieren und das Submodalitätenkonzept gewinnen möchte, sei empfohlen, die Lektüre (zunächst) auf die ersten sechs Kapitel zu beschränken, wobei auch die Abschnitte 2.1 und 4.1.1 noch übergangen werden können. Die Kapitel 7 und 8 wenden sich an Leser mit weitergehendem wissenschaftlichen Interesse.

1 Bei Literatur, der wörtliche Zitate entnommen werden, sowie bei der gesamten NLP-Literatur wird in dieser Arbeit jeweils das Erscheinungsjahr des Originals und das von diesem durch einen Schrägstrich getrennte Erscheinungsjahr der verwendeten deutschen Übersetzung angegeben; im Literaturverzeichnis finden sich die entsprechenden Angaben nach den Jahreszahlen der deutschen Übersetzungen geordnet (vgl. Deutsche Gesellschaft für Psychologie, 1987).

2 Der empirische Teil wird als Band 2 der Arbeit voraussichtlich im Frühjahr 1993 im Junfermann Verlag erscheinen.

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Dr. Rupprecht Weerth, Bochhorststr. 162, D-48165 Münster, Tel. 02501-924544