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5.3.2 Verwendung von Ankern

Der NLP-Terminus Anker ist definiert als "ein spezifischer Stimulus, der bei seiner Anwendung eine spezifische Reaktion hervorruft" (James & Woodsmall, 1988/1991, S. 301). Ankern meint den Prozeß der gezielten Verwendung eines Ankers. Dilts et al. (1980/1985) führen dazu näher aus:

Im wesentlichen ist ein Anker eine beliebige Repräsentation (intern oder extern erzeugt), die eine andere Repräsentation, einen Quadrupel oder eine Serie von Repräsentationen oder Quadrupeln (d.h. eine Strategie) auslöst. Grundlage beim Ankern ist die Annahme, daß alle Erfahrungen als "Gestalten" sinnlicher Information - d.h. als Quadrupel - repräsentiert werden. Immer wenn ein Teil einer gewissen Erfahrung oder eines Quadrupels wieder eingeführt wird, werden auch andere Teile dieser Erfahrung in einem gewissen Maß reproduziert. Jeder beliebige Teil einer Erfahrung kann also als Anker benutzt werden, um einen anderen Teil dieser Erfahrung auszulösen....

Die natürliche Sprache ist vielleicht das allgemeinste (wenn auch ein kompliziertes) Ankersystem, das wir haben. Die geschriebenen Worte "Hund", "Wärme" und "Liebe" sind visuelle Anker für innere Repräsentationen aus der sinnlichen Erfahrung des Lesers. Um dem Symbol "Hund" einen Sinn zu geben, müssen Sie Erfahrungen der Vergangenheit (Anblicke, Klänge und Geräusche, Gefühle und Gerüche) über eine bestimmte Klasse von Säugetieren in Form eines Quadrupels auslösen....

Gesichtsausdrücke (V), Gesten (V), Stimmführung und Tempo (A...), Berührungen (K) und Gerüche und Geschmäcke (O) können Anker für andere Repräsentationen sein. Innere Bilder, Geräusche und Klänge, Gerüche und Gefühle sind ebenfalls Anker für andere Erfahrungen. Eine Strategie ist eine Kette von Repräsentationen, in der jede Repräsentation an die vorhergehende geankert ist. (S. 134 f.)

Angewendet werden Anker im NLP vor allem, um gewünschte interne Zustände und/oder die einzelnen Schritte einer Strategie beim Klienten jederzeit hervorrufen zu können, bzw. ihm selbst die Fähigkeit dazu beizubringen. Drei für die NLP-Praxis typische Einsatzformen sollen die Verwendung veranschaulichen:

a) Der Berater kann beispielsweise einen Ressource-Zustand beim Klienten in dem Moment des stärksten Erlebens ankern, indem er ihn auf eine bestimmte Art und Weise berührt, eine bestimmte Geste macht, ein bestimmtes Wort sagt und/oder ein bestimmtes Geräusch produziert. Soll dieser Ressource-Zustand später dann dem Klienten innerhalb einer problematischen Situation zur Verfügung stehen, kann der Berater, während der Klient sich in die Problem/Ziel-Situation hineinassoziiert, den vorher etablierten Anker (in diesem Fall dieselbe Berührung, dieselbe Gestik, dasselbe Wort und/oder dasselbe Geräusch wie während des Ressource-Zustandes) einsetzen, um ihm einen bestmöglichen Zugang zu den Ressourcen zu ermöglichen. Analog dazu kann er dem Klienten helfen, bei sich selbst einen oder mehrere Ressource-Anker zu etablieren, die er dann in geeigneten Kontexten einsetzen kann. Weiterhin kann während der Überbrückung in die Zukunft (vgl. 5.2.5) nach einem bislang emotional neutralen, aber mit Sicherheit im Zielkontext auftretenden sensorischen Ereignis (bei einem Lehrer beispielsweise dem Blick auf die Tafel) gesucht und dieses Ereignis dann mit dem Ressource-Zustand derart verbunden werden, daß es zum Anker für ihn werden kann (Stahl, 1988).

b) Um verschiedene interne Zustände, Wahrnehmungspositionen und/oder Zeiten sauber voneinander trennen und ankern zu können, werden im NLP oftmals externe räumliche Anker eingesetzt: bestimmte, gemeinsam von Klient und Berater ausgesuchte Stellen und Plätze im Raum werden je nachdem zu Ankern gemacht für

Der Klient wechselt dann im Verlauf der Beratung bis zum Erreichen des Beratungsziels immer wieder die Plätze und wird auch angehalten, sich in alltäglichen Kontexten sinnvolle räumliche Anker (Plätze) für gewünschte Zustände etc. zu suchen (Dilts, 1990a).

c) Um eine neue oder eine veränderte kognitive Strategie einzuüben, kann folgende Anker-Verkettungs-Technik (Bandler & MacDonald, 1988/1990) benutzt werden:

Die Strategie gilt dann als erfolgreich etabliert, wenn bereits bei Einsatz des ersten Ankers automatisch beim Klienten die gesamte Strategie abläuft; also die externe Ankerkette durch eine entsprechende interne ersetzt werden konnte.

Selbstverständlich muß der Berater bei jedem bewußten Einsatz von Ankern - vor allem mit Hilfe des nonverbalen Feedbacks, das ihm der Klient gibt - überprüfen, ob die Anker auch tatsächlich die gewünschte Wirkung erzielen; ob der Klient beispielsweise, wenn er sich auf den Ressource-Platz im Raum begibt, auch tatsächlich eine Ressource-Physiologie zeigt. Im negativen Fall muß der betreffende Anker erneuert, bzw. ein anderer Anker mit dem gleichen Ziel erprobt werden.

Die Unterschiede zwischen Konditionierung und Ankerprozessen charakterisieren Dilts et al. (1980/1985) folgendermaßen:

Ankern ist in vielerlei Hinsicht die benutzerorientierte Version des "Reiz-Reaktions-Konzeptes" der behavioristischen Modelle. Zwischen beiden Prozessen gibt es aber folgende grundsätzliche Unterschiede: 1. Anker müssen nicht über lange Zeiträume konditioniert werden. Konditionierung über lange Zeiträume trägt zweifellos zur Herausbildung von Ankern bei. Die sichere Etablierung eines Ankers entsteht jedoch oft durch die Initialerfahrungen.... 2.... Verstärkungen tragen (wie Konditionierungen) zur Herausbildung von Ankern bei, sind aber keine notwendige Voraussetzung. 3. Innere Erfahrungen (d.h. kognitives Verhalten) werden als ebenso signifikantes Verhalten angesehen wie offene, meßbare Reaktionen. (S. 134)

Ausführlicher werden im nächsten Kapitel diejenigen NLP-Veränderungsmodelle dargestellt, die explizit Submodalitäten und Anker gemeinsam einsetzen.

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Dr. Rupprecht Weerth, Bochhorststr. 162, D-48165 Münster, Tel. 02501-924544